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Predigt Pfarrer Renner 25-09-2022

Predigt von Pfr. Josef Renner zum Abschied am 25. Sept. 2022 in der Pfarrkirche Hl. Dreifaltigkeit in Kollnburg

 

Zusammenbruch - Umbruch - Aufbruch

 

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

ich möchte meine Predigt unter das Bibelwort stellen: „Er führt mich hinaus ins Weite, er macht meine Finsternis  hell.“

In letzter Zeit wohnte ich bei meinem Neffen in Kienleiten in einem sehr schön gelegenen Haus auf einer Anhöhe. Im Tal der Fluss Regen, gegenüber auf einer Anhöhe das bekannte Kloster Reichenbach. Die angestrahlte Kirche war in der Nacht ein wunderbarer Anblick. Da kommt die Energiekrise auch nach Reichenbach, die Lichter werden abgeschaltet, die Kirche strahlt nicht mehr.

Die Kirche strahlt nicht mehr!  Das ist der Eindruck, den ich von der deutschen Kirche mitnehme nach Ghana. Die Lichter gehen aus: Katholiken treten von der Kirche aus oder kommen nicht mehr zum Gottesdienst, Klöster werden geschlossen, das Priesterseminar leert sich, die Leute schimpfen über die Missstände, sind sehr negativ gestimmt, die Freude am Glauben fehlt. Ich habe kaum Leute getroffen, die eine persönliche Beziehung zu Gott haben, keine Jugendlichen, die Gott suchen, kaum Christen verschiedener Konfessionen und religiöse Richtungen, die als Gemeinde Christi miteinander-der beten, die Schrift betrachten oder miteinander Gottesdienst halten. Die Einheit unter den Christen, ja selbst die Einheit unter den Bischöfen ist nicht zu erkennen. Die deutschen Kirchen strahlen nicht, geben denen kein Licht, die in Finsternis leben. Erzbischof Philipp, der Vorsitzende der Ghanaischen Bischofskonferenz, sagte im Ghanaischen Fernsehen: „Die deutsche Kirche ist für uns kein Vorbild mehr, wir müssen unseren eigenen Weg gehen.“ In Ghana sind am Sonntag die Kirchen voll, die Zahl der Priester und Ordensleute steigt ständig, Jugendliche melden sich in Scharen zum Taufunterricht. Ich hatte selber 64 Jugendliche an der Schule in Vorbereitung auf die Taufe, sie wollten Christus total folgen.

Die Lesungen der heutigen Bibelstellen drücken kurz und prägnant aus, wie wir in unserer Schule in Ghana den Glauben leben: Evangelium: „Folge mir!“

Der Christusbezug, Jesus, steht im Mittelpunkt, nicht die Kirche.

 

Lesung: „Wir können Gott nicht lieben, wenn wir nicht alle Trennungen untereinander beseitigen, aufeinander zugehen und alle ohne Ausnahme lieben.

Konkret sieht das so aus: Christen verschiedenster Konfessionen und Richtungen, Muslime und Anhänger der traditionellen Religion ziehen voller Freude in die Kirche ein, um in Gemeinschaft Gott zu loben in Gesang, Tanz und mit allen zur Verfügung stehenden Instrumenten. Wir gehen auf Gott zu, miteinander. Wir feiern ein Fest der Freude und Begeisterung. Jeder bringt sich ein, wir lassen uns von Gott beschenken, werden positiv.

Vor meiner Abreise aus Ghana ist der pensionierte Erzbischof Gregory Kpiebaya verstorben. Er war wiederholt in Kollnburg, hat mich 1999 eingeladen, wieder nach Ghana zurück zu kommen. Einmal hat er mit uns das Kollnburger Heimatfest gefeiert, versuchte, für ein paar Stunden ein Kollnburg zu sein, saß mitten unter den Leuten am Biertisch, trank mit ihnen voller  Freude Prost, war ein Mitbruder. Gregory’s Haus wurde für mich zu einer Art Heimat. Jedes Mal, wenn ich nach Tamale zum Einkaufen fuhr, nahm er mich herzlich auf, wir wurden Freunde. Eines Tages verwirrte er mich für einen Moment total, als er mich bat, sein Beichtvater und geistlicher Berater zu werden, damit er ein besserer Christ und Erzbischof wird.

Wie kann ich einen Erzbischof geistlicher machen, fragte ich mich. Schließlich nahm ich diese Herausforderung an: Ich, Sepp, der Waldbauernbub geistlicher Berater eines afrikanischen Erzbischofs.

In einem seiner Bücher schreibt er: „Ich habe als Erzbischof verschiedene Priester erlebt: sehr gute, weniger gute, auch schlechte Priester, und einige Priester, die würde ich nicht Christen nennen.“  Was meinte er damit: die zwei Stufen des Priesterseins?

Im September wurden viele Pfarreien neu besetzt, viele Priester wurden Pfarrer, Verwalter einer Pfarrei. Viele Ehrenamtliche helfen ihm, die Pfarrei gut zu verwalten. Die gottsuchenden Menschen aber erwarten vom Pfarrer mehr. Sie wollen einem Geistlichen begegnen, der sie geistlich führen kann. Der Geistliche hört auf  Christus, ist Christ. Der Pfarrer ist Angestellter der Kirche, hört auf die Kirche, was sich oft nicht mit dem Christushören deckt, ungeistlich ist, trennend, herabschauend, wenig hilfreich. Meine Studenten sind fast alle Gottsucher. Ich habe kaum Gottsucher unter Jugendlichen hier gefunden. Viele Jugendliche machen einen traurigen Eindruck, die Freude fehlt ihnen, das tut mir sehr leid.

 

Am Anfang meines Urlaubes bin ich vor allem Menschen begegnet, die über die Kirche schimpften. Manche waren schon ausgetreten, andere wollten es tun. Sie traten aus, fielen in ein Loch, da war nichts Geistliches mehr da.

In Ghana treten auch Menschen von der Katholischen Kirche aus, sie treten aber sofort in eine andere Kirche ein, wo es geistlicher zugeht, wo man Freude und Begeisterung am Glauben erfährt, wo Christus-Nachfolge gelebt wird.

Ich möchte euch einen Rat geben: Erwartet nicht eine Erneuerung von oben, es kommt nicht viel, viele sind keine Christen. Ihr werdet nur negativ, frustriert. Macht eine Kehrtwende, fangt bei Euch an mit der Erneuerung, mit der Christus-Nachfolge. Fragt euch selber: wie und wo kann ich ein glücklicher Christ werden? Schaut auf Jesus. Wie hat er es gemacht? Da war der große Tempelkult in Jerusalem. Menschen von der ganzen Welt kamen zum religiösen Zentrum nach Jerusalem: eine riesige Tempelanlage, eine große Priesterschaft, Gelehrte aller Art. Sie hörten nicht auf Jesus - und Jesus ließ sie einfach stehen und suchte sich Menschen, die ihm total folgen wollten, die zuvor keine Theologen waren, aber auf Jesus hörten und sich von ihm geistlich formen ließen.

Wenn dich dein Pfarrer nervt und du dich ärgerst, geh nicht mehr zu seinem Gottesdienst, such dir eine neue, geistige Heimat, wo du glücklich mitfeiern kannst. Ich habe viele Menschen jetzt erlebt, die umdenken, die alle bisherigen Schranken abbrechen. Einfache Leute gehen nicht mehr in die Kirche, wenn sie ihnen nicht mehr gibt, feiern evangelische oder an-sprechende Gottesdienste im Fernsehen mit. Andere gehen in Haus- oder Bibelkreise, finden hier eine geistliche Heimat. Viele Katholiken werden Gottsuchende, ein Umdenken findet statt, ein Aufbruch ist auch hier im Bayerischen Wald, beginnend ganz klein in kleinen Gruppen. Ich war in vielen solcher Kreise, es hat mich mit großer Freude erfüllt. Hast du einen Pfarrer, der die Gemeinde geistlich führt, geh zu ihm, unterstütze ihn, baue eine neue geistliche Kirche auf. Die Kirche von gestern wird nicht mehr die Kirche von morgen sein können. Fange bei dir an! Wie? Sage nicht Gebete auf, sondern verrichte sie als einer, der in einer tiefen Beziehung mit Gott

 

leben will. Z. B. das Vaterunser: Vaterunser, mein Vater, der mich liebt und mit dem ich in eine tiefe Freundschaft eintreten will. Geheiligt werde dein Name. Sieh das Positive in der Schöpfung und im Handeln Gottes. Lobe ihn, preise ihn wie die Ghanaer. Dein Reich komme, das Reich wo alle sich lieben, sich annehmen, einander helfen. Dein Wille geschehe! Was ist dein

Wille? Oder ist das was ich tue, mein Dickkopf?

Erzbischof Gregory spricht  von den zwei Stufen des Christseins, z. B.

 

1. Stufe: Ein Priester wird ein guter Pfarrer, ein guter Verwalter der Pfarrei,

                 hört auf die Anforderungen seiner Kirche.

2. Stufe: Der Priester will mehr, hinterfragt das kirchliche, oft gesetzliche

                 Leben der Kirche, hört auf Christus, wird ein echter Christ, wird

                 ein Geistlicher, der andere geistlich führen kann. Der Pfarrer von

                 Ars ist ein besonders schönes Beispiel: Er hatte keine guten Schul-

                 zeugnisse, konnte kein gute Verwalter einer Pfarrei sein, aber er

                 war ein Geistlicher, tief verwurzelt in seinem Christus. Er hat Tau-

                 sende durch sein  Vorleben des Christseins zu Christus geführt.

 

Viele Männer möchten verheiratete Pfarrer werden, auch einige Frauen Pfarrerinnen. Die Amtskirche verwehrt es ihnen. Solche Leute können aber die Position einer Pfarrei überspringen, können Geistliche werden. Ich hatte letzte Woche lange Gespräche geführt mit einer Frau mit einer sehr tief religiösen Beziehung zu Christus. Sie möchte Pfarrerin in der Katholischen Kirche werden, verbringt bereits zehn Stunden in der Woche ehrenamtlich in der Pfarrei. Wir kamen zu dem Ergebnis, eine Geistliche zu werden für andere die geistlich leben wollen.

In Weiden traf ich zufällig eine solche Geistliche. Vor 15 Jahren legte ihr der Kardinal in München die Hände auf, berief diese Gemeindereferentin zur Wort-Gottes-Dienst-Leiterin. Seit 16 Jahren hält diese Geistliche am Sonntag in München einen Wort-Gottesdienst, wo kein Pfarrer da ist. In München ist dies möglich.

Ich bin sehr liebevoll mehrmals von der Christusbruderschaft in Falken- stein aufgenommen worden, weil meine Schwester schwer krank ist und mir nicht ein Zuhause bieten konnte. Christusbruderschaft und ich haben eine wunderbare Gemeinschaft des Glaubens in Christus leben dürfen.

Nach dem Krieg war es wie ein Wunder, dass in der evangelischen Kirche ein Klosterleben entstehen konnte in der Pfarrei Selbitz. Das Pfarrerehe-paar Hümmer wurde dazu von Gotte geführt. Herr Hümmer war der Pfarrer, Verwalter der Pfarrei. Daneben hat die Geistliche Frau Hümmer eine geistliche Gemeinschaft aufgebaut. Hunderte und Hunderte kamen zu ihren Einkehrtagen und zur persönlichen Seelsorge.

Der Pfarrer und die Geistliche lebten vor, was ich heute als Herausforderung darstellen wollte. Lebt geistlich! Werdet frohe und glückliche Christen, fangt bei euch an mit dem Hinhören auf Christus. Entdeckt die Bibel als großen geistlichen Schatz wie meine Studenten in Ghana.

Gottes Heiliger Geist führe euch und segne euch, so dass ihr zum Segen für andere werdet.